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Glosse 3.19

Bestandteil der deutschen Identität

06.12.2019: Beim Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau stellte die Bundeskanzlerin fest, dass dieses KZ - mit den dort von Deutschen begangenen Verbrechen - Bestandteil unserer nationalen Identität ist. Ob das formal auf den Staat, umfassender auf die Gesellschaft oder gar den einzelnen Bürger der Bundesrepublik bezogen war, wird sie noch zu erklären haben.

Auf jeden Fall gehört ihre Formulierung zu dem “über den Dingen” schwebenden, stets erfinderischen Sprachgebrauch, mit dem ein besonderes Bewusstsein und eine eindeutige, über alles erhabene moralische Haltung demonstriert wird. Inwieweit die Kanzlerin ihre Mitbürger, die sie repräsentieren wollte, unter ihrem Begriff gemeinsamer Identität versammeln kann, bleibt abzuwarten. Für Bürger mit gesundem, unverbogenem Menschenverstand reicht es festzuhalten:

Auschwitz und was dort geschah gehört zu unserer Geschichte, dazu stehen wir und wir wissen, dass sich dies nicht wiederholen darf. Hierfür tragen wir Verantwortung.

Als Deutscher, der schon aufgrund seines Lebensalters an den Verbrechen des Dritten Reichs nicht beteiligt war, sich immer als Demokrat verstanden und dementsprechend verhalten hat, möchte man aber zu Recht nicht als einer vom “Auschwitz-Land” identifiziert werden. Zu Recht? Ja, die Bundesrepublik ist zwar Rechtsnachfolger des Dritten Reichs, nach dessen Debellation aber ein neuer, freiheitlich-demokratischer Staat und trägt keine Schuld  am Unwesen des Nationalsozialismus. Und moralisch? Es gibt keine Kollektivschuld der seinerzeit Lebenden; wer sich jedoch schuldig gemacht hat, wurde und wird rechtsstaatlich verfolgt. Eine moralische Schuld von Nachgeborenen ist grundsätzlich ausgeschlossen. Nicht aber, wie schon gesagt, die Verantwortung für unsere Zukunft!

P.S. Wer erinnert sich, welche anderen Teile unserer Geschichte von der Kanzlerin zur deutschen Identität gezählt wurden?